Beim Main Event der World Series of Poker Europe, dem größten 5000er-Turnier in der europäischen Geschichte, hatte jede Entscheidung ein gewaltiges Gewicht. Diesmal ging Negreanu nicht auf große Gesten ein, sondern auf die Situationen, in denen präzises Analysieren der Range, der Mut zum Call und die Fähigkeit, die Grenze zwischen Value Bet und eigens gestellter Falle nicht zu überschreiten, entscheidend sind.
Die erste analysierte Hand dreht sich um David Coleman, der sich in einem 3-bet Pot gegen einen Gegner mit K d Q d befindet. Der Flop K c J c J s sieht noch erträglich aus, doch genau das ist das Problem solcher Spots – du hast Top Pair, aber gegen einen aggressiven und gebildeten Spieler wird jede weitere Street zum Nerventest. Negreanu erklärt, dass es gegen Coleman nicht reicht, nur auf Value-Kombinationen zu schauen. Du musst dir eingestehen, dass dieser Spielertyp in solchen Situationen genügend Bluffs hat, um nicht einfach alles diszipliniert folden zu können.
Und wenn die Hand über die Turnkarte 2 h bis zum River Shove bei 3 d kommt, geht es plötzlich nicht mehr darum, ob dir der Call gefällt, sondern ob du es dir überhaupt leisten kannst, ihn nicht zu machen. Coleman zeigt am Ende tatsächlich A c Q h, also eine der Kombinationen, die Negreanu während der Analyse als möglichen Bluff identifiziert hat. Gleichzeitig betont er auch, warum das A c in dieser Situation so wichtig ist – es blockiert einen Teil möglicher Flush Draw-Kombinationen und eröffnet gleichzeitig weitere Möglichkeiten, die Spieler am River repräsentieren können.
Die zweite Hand trägt bereits den Namen von Shaun Deeb, der zu dieser Zeit auf einem großen Heater war, mit zwei zweiten Plätzen und einer starken Position im Rennen um den WSOP Player of the Year. Deeb callt am Button mit A d J h gegen einen Open Raise aus UTG, versucht am Flop 8 c 6 s 9 c die Initiative zu übernehmen, und nach einem Check-Check am Turn 4 d bringt ihm der River J d Top Pair, Top Kicker. Das sieht nach einer idealen Karte für eine dünne Value Bet aus, aber genau hier zeigt Negreanu sehr genau, wie tückisch Situationen sind, in denen deine Range auf den ersten Blick stark erscheint, aber in Wirklichkeit ziemlich capped ist. Und das ist der Moment, in dem aus einem „guten River“ eine Tretmine wird.
Deeb setzte für Value 41.000 an Chips, doch der Gegner kommt mit einem großen Check-Raise auf 162.000 und plötzlich wird aus einer One-Pair-Hand eine Entscheidung um einen gigantischen Pot. Negreanu erklärt in diesem Abschnitt hervorragend, dass es nicht nur darum geht, welche Value-Kombinationen der Gegner haben könnte. Moderner Poker besteht zunehmend auch darin, dass Spieler eine Showdown-Hand in einen Bluff verwandeln können, wenn sie das Gefühl haben, dass sie geschlagen sind und deine Size ihnen zu deutlich eine Ein-Paar-Range verrät. Und genau das passiert – nach einem Fold zeigt sich ein Bluff mit 7 h 7 d.

Negreanu macht aus diesen beiden Händen nicht nur Highlights, sondern eine Lektion darüber, wie man einen Schritt voraus im Turnierpoker denkt. In beiden Fällen kehrt er zum selben Prinzip zurück: Noch vor dem River musst du wissen, was du tun wirst, wenn der Druck kommt. Und wenn der Druck kommt, ist es zu spät, die gesamte Hand neu aufzubauen. Genau deshalb funktioniert diese Analyse – nicht als trockene Theorie, sondern als Erinnerung daran, dass selbst Top-Spieler heute große Pots verlieren, nicht weil sie nicht spielen können, sondern weil heutiges Poker sowohl brutal präzise als auch brutal kreativ sein kann.
Quellen – YouTube, PokerNews, WSOP+