Gleich zu Beginn des Interviews beschreibt Haxton seinen Turnieralltag, der sich über die Jahre praktisch nicht verändert hat. Er steht etwa zwei Stunden vor Spielbeginn auf, nimmt Koffein zu sich, ruht noch eine Weile, meditiert und begibt sich dann an den Tisch. Frühstück lässt er aus, hält die Nahrungsaufnahme während des Tages auf ein Minimum und isst erst nach Spielschluss eine größere Mahlzeit. Nicht weil er es für ideal für alle hält, sondern weil dieser Rhythmus ihm persönlich ermöglicht, sich mental am schärfsten zu fühlen.
Meditation ist seit über fünfzehn Jahren Teil seines Lebens und er betrachtet sie als einen der Schlüssel, um ruhig und weniger impulsiv zu bleiben – nicht nur bei Pokerentscheidungen, sondern auch außerhalb des Tisches. Wie er selbst sagt, macht ihn die Vorstellung, einen Tag ohne Meditation zu beginnen, eher unsicher als gelassen.
Exakte Sizings als falsche Obsession
Eines der Hauptthemen des Podcasts war die Kritik daran, wie Spieler mit Solvern arbeiten. Haxton behauptet, dass Menschen in den ersten Jahren der Solver-Ära besessen waren von der Suche nach dem „richtigen“ Bet Sizing in jeder einzelnen Situation. Seiner Ansicht nach handelt es sich dabei in den meisten Fällen um völlig marginale Angelegenheiten. Echte Fehler entstehen erst, wenn ein Spieler extreme Entscheidungen trifft, doch selbst diese sind oft kleiner, als die Community denkt.
Haxton meint, es sei viel wichtiger zu verstehen, welche Teile des Spiels sich oft wiederholen und großen Einfluss auf das langfristige Ergebnis haben – beispielsweise gängige Flop-Situationen in Single-Raised Pots – als Stunden mit der Analyse spezifischer River-Spots zu verbringen, die einmal alle paar tausend Hände auftauchen.
Neugier statt Perfektionismus
Haxton betrachtet sich eher als Spieler, der von Neugier als von Perfektionismus getrieben wird. Er gibt zu, dass viele Spieler auf Fehler reagieren, indem sie versuchen, sie detailliert zu analysieren und sicherzustellen, dass sie sich nie wiederholen. Das kann, laut ihm, funktionieren, führt aber oft zu unnötigem Schmerz und ineffektivem Lernen.

Im High Stakes Turnierumfeld spielt laut ihm auch der Ruf eine große Rolle. Haxton sagt offen, dass der Respekt der anderen Spieler und Backer praktisch notwendig ist, um in den größten Spielen bestehen zu können. Gerade deshalb sind viele Spieler extrem sensibel, wie ihr Spiel nach außen wirkt.
Niederlagen ohne Emotionen
Eines der markantesten Merkmale von Haxtons Persönlichkeit ist seine Fähigkeit, Niederlagen zu verkraften. Seinen eigenen Worten zufolge handelt es sich dabei um eine Kombination aus angeborenem Wesen und langjährigem bewussten Training. Verluste können ihn treffen, aber er versucht nicht, gegen sie anzukämpfen oder sie zu unterdrücken. Vielmehr nimmt er sie wahr, akzeptiert sie und lässt sie gehen. Meditation hilft ihm in diesem Prozess erheblich. Sie lehrt ihn, Emotionen als temporäre Zustände zu sehen, die keine weiteren Entscheidungen beeinflussen müssen. Haxton gibt zu, dass es auch eine große Rolle spielt, dass er sich an einem Punkt in seiner Karriere befindet, an dem kurzfristige finanzielle Schwankungen keinen grundsätzlichen Einfluss mehr auf seine Lebensqualität haben.
Ein interessanter Gedanke, der im Gespräch aufkam, ist die Verbindung zwischen Freude an Gewinnen und Schmerz bei Verlusten. Haxton stimmt zu, dass, wenn ein Spieler Niederlagen leichter nehmen will, er bereit sein muss, sich auch an den Siegen emotional weniger aufzuhängen. Extreme Feiern von Erfolgen führen nämlich zwangsläufig zu ebenso extremen Tiefs in schlechten Zeiten. Für ihn persönlich ist es wichtiger, den gesamten Tag nach der Qualität der Entscheidungen zu bewerten als nach dem Ergebnis.
Poker als endloser Prozess
Abschließend betont Haxton, dass er trotz Jahrzehnten Erfahrung nicht das Gefühl hat, der Grenze des Wissens nahe zu kommen. Besonders in Turniersituationen, ICM-Entscheidungen und Final Tables gibt es laut ihm eine immense Anzahl unbeantworteter Fragen. Gerade diese endlose Tiefe ist der Grund, warum ihm Poker immer noch Spaß macht.
Wie er selbst sagt, kann er sich den Tag nicht vorstellen, an dem er sich zum Lernen hinsetzt und nichts zu lösen hat. Und genau diese Haltung – ruhig, neugierig und losgelöst von kurzfristigen Ergebnissen – ist einer der Hauptgründe, warum Ike Haxton schon so lange an der Spitze bleibt.
Mehr aus dem GTO Lab Podcast
Alex Kulev: Was du für den Sprung in die High Stakes ändern musst
Leon Sturm: Wie man eigenständig im High Roller Umfeld denkt
Orpen Kisacikoglu: Solver gibt schnelle Antworten, aber nimmt den Denkprozess
Alex Ponakovs: Warum eigenständiges Denken wichtiger ist als blindes Folgen der Solver
Daniel Negreanu: Jahrelang an der Pokerspitze zu sein, ist harte Arbeit, kein Zufall
Fedor Holz: Früher wollte ich Gewinne, Titel und Geld. Heute möchte ich glücklich sein
Quellen – GTO Lab Podcast, Flickr, PokerNews