Jennifer Shahade gehört zu den Persönlichkeiten, bei denen Schach und Poker nicht zufällig aufeinandertreffen. Aufgewachsen in einer Familie von Strategie-Spielern, zählte sie später zu den besten amerikanischen Schachspielerinnen und beobachtete während des Pokerbooms, wie immer mehr ihrer Freunde zu einem Spiel wechselten, bei dem richtige Entscheidungen deutlich mehr Geld einbrachten. Poker packte sie jedoch nicht sofort. In dieser Episode des Table One Podcast erklärt sie, warum sie ihre Zeit brauchte, um sich damit anzufreunden, was für eine Elite-Schachspielerin am Poker paradoxerweise am schwersten war und warum sie heute beide Welten braucht.
Familie, in der Strategie-Spiele Teil des Lebens waren
Shahade wuchs in Philadelphia in einem Umfeld auf, in dem Schach, Poker und Sportwetten praktisch zum Alltag gehörten. Ihr Vater war ein begeisterter Schachspieler, ihr älterer Bruder Greg setzte sich später im Schach und im professionellen Poker durch, und ihre Mutter war Professorin für Chemie an der Drexel University. Neben ihrer akademischen Karriere hatte sie auch ein ungewöhnliches Hobby. Sie liebte Bridge, Poker, Sportwetten und war laut Jennifer sogar eine kleine Buchmacherin für ihren Bekanntenkreis.
Samstags-Pokerrunden waren bei ihnen zuhause Routine. Shahade erinnert sich vor allem an das Lachen, Mixed-Games und die Atmosphäre, die ganz anders war als die seriöse Welt des Turnierschachs. Trotz der familiären Wurzeln sah es anfangs nicht danach aus, dass Jennifer das nächste große Schachtalent der Familie wird. Ihr Rating bewegte sich lange Zeit um die 1400, während ihr Vater und ihr Bruder über 2200 lagen. Doch um das vierzehnte Lebensjahr kam der große Durchbruch.
Shahade begann Schach nicht nur als Wettbewerb wahrzunehmen, sondern auch als Kultur, Geschichte und Kunst. Das Spiel begann für sie einen neuen Sinn zu ergeben und die Ergebnisse folgten schnell. Innerhalb von etwa zwei Jahren stieg ihr Rating von 1400 auf 2200, und sie wurde eine der jüngsten weiblichen Schachmeisterinnen in den Vereinigten Staaten. Es folgten nationale Titel, der Woman Grandmaster Titel und eine professionelle Karriere, in der sie sich zu einer der bedeutendsten amerikanischen Schachspielerinnen ihrer Generation entwickelte.
Poker ist leicht verdientes Geld für kluge Köpfe.
Poker war in ihrem Umfeld längst präsent, bevor sie es ernst nahm. Während des Pokerbooms sah sie zu, wie Schachfreunde an Online-Tischen spielten, zu EPT-Reisen aufbrachen und Beträge verdienten, die der professionelle Schach damals einfach nicht bieten konnte. Nach Fertigstellung ihres ersten Buches hatte sie eine ruhigere Phase und bat ihren Bruder Greg, ihr Poker beizubringen.
Die Reaktion ihrer Mutter war direkt. „Endlich Jennifer, Poker ist leicht verdientes Geld für kluge Köpfe“. Doch auch diesmal kam die Faszination nicht sofort. Ähnlich wie beim Schach brauchte sie Zeit, um das Spiel auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Entscheidend war die Kombination von Online- und Live-Poker. Online bot ihr endlose Wiederholungen. Live-Poker fügte einen sozialen Aspekt, Reisen und den Raum hinzu, über den Gegner nachzudenken.

Der Unterschied zwischen den beiden Spielen gehört zu den interessantesten Themen der Episode. Laut Jennifer geht es beim Online-Poker um das Erinnern von Mustern, während Live-Poker vom Nachdenken lebt. Doch es gibt etwas, worauf Schachspieler einfach nicht vorbereitet sind. Das Bluffen! Schach ist ein Spiel mit vollständigen Informationen. Beide Spieler sehen die gleiche Position, und keine Figur ist versteckt. Poker funktioniert genau umgekehrt.
Schachspieler kämpfen oft auch mit dem Bankroll Management. Geld ist im Schach die Belohnung für das Ergebnis, aber es ist nicht Teil der Spielmechanik. Einige ehemalige Schachspieler sind deshalb im Poker zu tight, weil sie an eine Umgebung mit wenig Geld gewöhnt sind. Andere beginnen zu gamblen, weil sie psychologisch nicht darauf vorbereitet sind, wie selten man im Turnierpoker tatsächlich gewinnt.
WSOP, Push-Fold und Rivalen, die sie nicht mochten
Der erste regelmäßige Kontakt mit Live-Poker kam durch das Las Vegas Chess Festival, das im Sommer zeitgleich mit der World Series of Poker stattfand. Schachfreunde begannen, sie für das WSOP Ladies Event zu staken. Bei ihrer ersten Teilnahme verfolgte sie den Triumph von Jennifer Tilly. Ein Jahr später landete sie selbst unter den letzten zwei Tischen.
Eine große Hilfe war ihr Bruder, der ihr die Short-Stack Push/Fold Ranges beibrachte. Zu dieser Zeit war solches Spielverhalten in Ladies Events längst nicht so verbreitet wie heute. Die Reaktion der Gegnerinnen? „Sie hassten mich“, sagt Jennifer lachend. Trotz ihres deep runs bei der WSOP blieb Poker noch ein jährliches Abenteuer. Der definitive Wendepunkt kam erst online.
Ihr Bruder zahlte ihr ein $215 Buy-in für das Sunday Million. Shahade machte einen deep run, spielte eine Woche später erneut, cashte wieder und hatte nach und nach eine Online-Bankroll, mit der sie Satellites für die EPT oder PCA ausprobieren konnte. Damals erkannte sie eine weitere Ähnlichkeit zu Schach. Es ging nicht nur um das Spiel. Poker bot Reisen um die Welt, Turniere in verschiedenen Ländern und eine Community von Leuten, die die gleiche Leidenschaft teilten. Genau das war einer der Gründe, warum sie sich vor Jahren in Schach verliebt hatte.
Wenn dich dein Gesicht am Tisch verrät
Für die ausdrucksstarke Shahade brachte Live-Poker noch eine weitere Herausforderung - Tells. Sie sagt, dass sie viele Gesichtsausdrücke hat und Emotionen bei ihr natürlich nach außen dringen. Ihr Schauspieltraining hat diese Eigenschaft noch verstärkt. Paradoxerweise behauptet sie, dass die Lösung nicht darin liegt, nichts zu zeigen. Man muss einfach ein besserer Pokerspieler werden. Je besser ein Spieler seine eigene Range versteht, desto weniger kann ein bestimmter Mikrosausdruck eine spezielle Hand verraten.

Ähnliche Erfahrungen hat sie auch im Schach gemacht. In einem Spiel gegen ihre langjährige Rivalin Irina Krush bemerkte sie sofort, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte. Statt am Tisch zu bleiben und durch eine Reaktion das Problem zu verraten, stand sie einfach auf und ging. Die Gegnerin fand den richtigen Zug nicht. Shahade gewann die Partie.
Frauenturniere als Labor für Final Table
Einen bedeutenden Teil ihrer Pokerkarriere widmete Shahade auch der Förderung von Frauen im Spiel. Sie arbeitete bei PokerStars Women mit und später bei anderen Projekten und Festivals. Sie bietet selbst ein interessantes strategisches Argument, warum Frauen-Events auch für die Entwicklung der Spielerinnen wichtig sind.
Kleinere Felder bedeuten mehr Final Tables, mehr Short-Handed Spiele, mehr Heads-Ups. Und mehr Erfahrungen mit Drucksituationen, zu denen ein Spieler in einem großen Turnier nur selten kommt. Shahade würde daher gerne auch Women's Player of the Series sehen und eine größere Unterstützung der Leistungen von Frauen in offenen Events.
Das größte Risiko ihres Lebens hatte nichts mit ihrer Bankroll zu tun
Der intimste Teil des Gesprächs kommt erst am Ende. Shahade beschreibt den Moment, als sie öffentlich über sexuelle Übergriffe eines prominenten Schach-Großmeisters sprach. Nach ihrer Aussage kontaktierten sie weitere Frauen mit ähnlichen Erfahrungen, und es folgte eine mehrjährige Phase, die auch einen Rechtsstreit beinhaltete. Sie bezeichnet diese Entscheidung als das wahrscheinlich größte Risiko ihres Lebens.
Und genau hier hörten Schach und Poker auf, nur Spiele zu sein. Beide bereiteten sie auf den Moment vor, wenn man eine Entscheidung sieht, von der man überzeugt ist, dass sie richtig ist, aber gleichzeitig weiß, dass man deren Folgen nicht vollständig kontrollieren kann. Poker lehrte sie, Risiken zu akzeptieren, und Schach lehrte sie ihr Leben lang, den richtigen Zug zu suchen.
Shahade wirkt auch nach Jahrzehnten am Schachbrett und an Pokertischen nicht wie jemand, die bei einem fixen Format bleiben möchte. Nach der Fertigstellung ihres Buches Thinking Sideways hat sie endlich mehr Raum, sich einem weiteren Ziel zu widmen – Mixed-Games. Besonders ziehen sie Draw Games an, und Erfahrungen hat sie auch schon im Open Face Chinese, wo sie in der Vergangenheit Erfolge in Turnieren und Cash Games hatte. Es ist ein weiterer Anfang in einer Karriere, die schon mehrere hatte.
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Quelle: YouTube, Flickr/PSlive (Photo Credits Manuel Kovsca, X, ChessBase