Verletzung beendete Basketball-Traum
Doyle Frank Brunson wurde am 10. August 1933 in der texanischen Kleinstadt Longworth während der Großen Depression geboren. Er wuchs in einer armen Farmerfamilie auf, in einer Stadt mit nur hundert Einwohnern, ohne Strom und Kanalisation. Doch Doyle besaß ein außergewöhnliches sportliches Talent, das sein Leben hätte verändern können.
Doyle war ein herausragender Läufer, was er 1950 mit einem Staatsrekord im Meilenlauf bewies. Seine wahre Leidenschaft war jedoch Basketball, und sein Traum war die NBA. Als einer der besten College-Basketballspieler in den USA hatte er eine glänzende Zukunft vor sich.
Der Star der Hardin-Simmons University geriet in das Visier der Minneapolis Lakers (heute LA Lakers). Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Bei einem Sommerjob in einer Fabrik hatte er einen Unfall, aus dem er eine schwere Knieverletzung davontrug. Die Verletzung heilte nie richtig, und Doyle musste den Rest seines Lebens oft eine Krücke benutzen. Der Basketball-Traum zerbrach in einem Augenblick.

Doyle beendete sein Masterstudium in Pädagogik mit dem Ziel, Schulleiter zu werden, aber das Gehalt als Lehrer reichte ihm nicht aus. Daher versuchte er sich als Verkäufer von Büromaschinen. Schon am ersten Tag luden ihn Kollegen zu einer Runde Seven Card Stud ein, bei der er in wenigen Stunden mehr gewann, als sein Monatsgehalt betrug. Am nächsten Tag kündigte er und begab sich auf den Weg als professioneller Spieler.
Blutiger Weg und „Texas Rounders“
Die Anfänge in den 50er Jahren waren hart. Doyle spielte in illegalen Spielen auf der gefährlichen Exchange Street in Fort Worth, auch bekannt als „Bloodthirsty Highway“, wo Kriminelle die Regeln diktierten. Einmal wurde er Zeuge eines Mordes direkt am Tisch, als einem der Spieler neben ihm das Gehirn an die Wand geschossen wurde. Doyle schnappte sich seine Chips und rannte durch die Hintertür und in einen eisig kalten Bach, um der Polizei zu entkommen.
Später bildete er mit Amarillo Slim und Sailor Roberts das legendäre Trio „Texas Rounders“. Gemeinsam reisten sie durch Texas, Oklahoma und Louisiana, teilten sich eine Bankroll und begegneten Betrügern und bewaffneten Räubern. Doch bei ihrem ersten gemeinsamen Trip nach Las Vegas erlitten sie einen harten Rückschlag. Innerhalb weniger Tage verloren sie sechsstellige Beträge und trennten sich als Partner, blieben jedoch lebenslange Freunde.

Wunder, das die Medizin nicht erklären kann
1962, als seine Frau Louise mit ihrer ersten Tochter schwanger war, diagnostizierten die Ärzte bei Doyle ein aggressives Melanom am Hals. Die Krebserkrankung hatte sich bereits ins Gehirn ausgebreitet, und die Ärzte gaben ihm nur noch drei Monate zu leben.
Sie operierten ihn nur, um sein Leben bis zur Geburt der Tochter zu verlängern. Doch als die Chirurgen ihn öffneten, waren sie schockiert – der Krebs war vollständig verschwunden. Doyle nannte es eine „spontane Remission“ und führte es auf Glauben und Gebete zurück. Ein Phänomen, das die Medizin bis heute nicht erklären kann.
König von Las Vegas und die magische Hand 10-2
Als 1970 die World Series of Poker (WSOP) ins Leben gerufen wurde, konnte Doyle nicht fehlen. Und obwohl er 1972 das Main Event als Chipleader kurz vor dem Ende freiwillig verließ, um nicht im Rampenlicht zu stehen, wurde er später das Gesicht der ganzen Pokerwelt.
In den Jahren 1976 und 1977 gelang ihm etwas Unglaubliches. Er gewann das Main Event der WSOP zwei Jahre in Folge und beendete beide mit der Handkombination 10-2, mit der er in beiden Fällen auf dem River ein Full House komplettierte. Seitdem ist diese Hand weltweit als „Doyle Brunson“ bekannt.
1978 veränderte er das Spiel für immer mit der Veröffentlichung des Buches Super/System, das von vielen als die „Bibel des Pokers“ angesehen wird. Es war das erste Buch, in dem ein Profi die wahren Geheimnisse des Spiels und professionelle Strategien enthüllte. Doyle scherzte später, dass dieses Buch ihm mehr Geld gekostet habe als irgendeine Wette, da es allen anderen das Gewinnen beibrachte.

Der unvergängliche Champion
1988 wurde Doyle Brunson verdientermaßen in die Poker Hall of Fame aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 55 Jahre alt und hatte sechs goldene Bracelets und viele weitere Erfolge auf dem Konto.
Für die meisten Spieler wäre das der Karrierehöhepunkt gewesen, für Doyle war es nur der Beginn einer neuen Ära. Brunson erreichte etwas, das nur wenigen außergewöhnlichen Spielern gelingt. Er blieb über fünf Jahrzehnte hinweg konkurrenzfähig. Sein zehntes und gleichzeitig letztes WSOP-Bracelet gewann er 2005 im Alter von 71 Jahren und teilte sich damit lange den Spitzenplatz in der Anzahl der gewonnen Bracelets mit Johnny Chan.
Während des Pokerbooms nach 2003 wurde Doyle zum Star von Fernsehsendungen wie High Stakes Poker und Poker After Dark. Die junge Generation von Spielern, die aus seinen Büchern lernten, sah sich erstaunt an, wie der ältere Herr mit Hut seine Gegner mit unglaublicher Aggression und der Fähigkeit sie zu Lesen besiegte.

Lebensbluff und Millionen-Diät
1998, im Alter von 65 Jahren, wurde Doyle in seinem Haus von zwei bewaffneten Räubern in Masken überfallen. Sie fesselten ihn an seine Frau Louise und verlangten unter Todesandrohung Geld. Doyle, der nicht viel Bargeld im Haus hatte, wagte seinen größten Bluff. Er simulierte einen Herzinfarkt, begann zu zittern und die Augen zu verdrehen. Die Räuber gerieten in Panik, nahmen nur 4.000 Dollar in bar und Pokerchips mit und flohen.
Doyle liebte Nebenwetten, wobei die bekannteste aus dem Jahr 2003 stammt. Er wettete mit Freunden um 100.000 Dollar bei einer Quote von 10:1, dass er innerhalb von zwei Jahren 100 Pfund (ca. 45 kg) abnimmt.
Obwohl er anderthalb Jahre nichts unternahm, setzte er zum Schluss auf eine drastische Diät und verlor binnen weniger Monate 98 Pfund. Die Freunde hatten solche Angst vor seiner Gewinnchance, dass sie ihm 980.000 Dollar auszahlten, um die Wette vorzeitig zu beenden. Doyle verlor das Geld angeblich noch am selben Abend beim Poker.
Bittere Erfahrung mit Online-Poker
Sein größter Verlust ereignete sich jedoch nicht am Pokertisch. 2004 gründete Doyle seine eigene Online-Pokerseite Doyle’s Room. Diese gehörte zwar nie zu den beliebtesten Seiten, aber während des Pokerbooms baute sie sich eine ausreichende Spielerbasis auf.
Es hätte sein Karrierehighlight werden können, als man ihm für den Verkauf 235 Millionen Dollar anbot. Doch Doyle, im Glauben an einen noch höheren Wert, lehnte das Angebot ab. Wenige Wochen später, 2011, kam der „Black Friday“, als die US-Behörden Online-Poker in den USA komplett stoppten und der Wert der Seite praktisch auf null sank.

Abschied von der Szene
Doyle war ein hingebungsvoller Familienmensch. Mit Louise war er 60 Jahre verheiratet. Gemeinsam überstanden sie den Tod ihrer Tochter Doyla, die im Alter von 18 Jahren an einem Herzfehler verstarb. Ihr Sohn Todd Brunson trat in die Fußstapfen seines Vaters, und 2005 wurden sie das erste Vater-Sohn-Duo mit goldenen WSOP-Bracelets.
Obwohl er 2018 seinen Rückzug aus dem Turnierpoker ankündigte, um mehr Zeit mit seiner geliebten Louise zu verbringen, konnte er sich nicht ganz von den Tischen lösen. Bei der WSOP 2018 gelang es ihm noch einmal, den Finaltisch zu erreichen, wo ihn der gesamte Saal mit Applaus verabschiedete. Noch 2021, im Alter von fast 88 Jahren, nahm er am Main Event der WSOP teil, was seinen Ruf als unerschütterlicher Spieler bestätigte.
Doyle Brunson starb am 14. Mai 2023 in Las Vegas im Alter von 89 Jahren. Er hinterließ seinen Sohn Todd, seine Tochter Pamela und vor allem ein unsterbliches Vermächtnis.
Doyle Brunson war nicht nur eine Legende, er war die Verkörperung des Pokers. Wie er selbst sagte: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden; wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“

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Quellen: WSOP, Wikipedia, PokerListings, The New York Times